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Cooperative Learning in Duisburg

Thomas Kremers


Kooperatives Lernen in Duisburg - Ein von Bertelsmann gesteuerter Prozess oder eine demokratische Graswurzelbewegung?

Ausgangspunkt meiner Ausführungen ist der Bericht von Jutta Müller im Info 163 über die "Bertelsmannkritische Tagung in Frankfurt", in dem leider wichtige Hinweise auf gesellschaftspolitisch bedenkliche Tendenzen der Privatisierung im Bildungssystem mit fragwürdigen Verschwörungstheorien vermischt werden. Als GEW-Mitglied und Mitglied von attac habe ich in Duisburg über Jahre eine AG zur Privatisierung im Bildungsbereich geleitet, in der wir uns auch kritisch zu Initiativen von Bertelsmann geäußert haben. Ich finde es allerdings ärgerlich, dass mit den polemischen "Informationen" am Ende des Artikels über Norm Green indirekt auch das Kooperative Lernen diskriminiert wird. Während die Einführung des Kooperativen Lernens in der Region Mönchengladbach ohne Bertelsmann zustande gekommen ist, haben Bildungsbüros in Städten wie Dortmund, Krefeld und Duisburg diesen Prozess im Kontext des Modellprojekts "Selbstständige Schule" unterstützt. Also doch ein von Bertelsmann gesteuerter Prozess? Im Folgenden soll am Beispiel Duisburgs gezeigt werden, wie sich ausgehend von einzelnen Schulen eine demokratische Graswurzelbewegung zum Kooperativen Lernen entwickelt hat, die schließlich zu einem regionalen Fortbildungsverbund geführt hat.


Kooperatives Lernen

Seit vier Jahren setzt auch in Duisburg die Aneignung des in Kanada und den USA entwickelten Konzeptes in Duisburg neue Akzente für die Unterrichts- und die Schulentwicklung. Angeregt durch Fortbildungen zum Kooperativen Lernen entwickeln LehrerInnen Kompetenzen zur Durchführung einer effektiven Gruppenarbeit und SchülerInnen verbinden integrativ fachliches Lernen mit dem Erwerb sozialer, kommunikativer und methodischer Kompetenzen. Kooperatives Lernen bedeutet, dass sich SchülerInnen gegenseitig bei der Arbeit unterstützen und gemeinsam zu Ergebnissen gelangen. Dies geschieht in Partner- oder Gruppenarbeit. In gut strukturierten Lerngruppen wird unter Zuhilfenahme von zahlreichen Methoden ein hohes Aktivierungsniveau der Lernenden erreicht mit nachhaltigen Erfolgen im kognitiven Bereich. Problemlöse- und Sozialkompetenz werden gleichermaßen aufgebaut und führen häufig zu einem positiveren Selbstbild der Lernenden. Grundvoraussetzung für die erfolgreiche Arbeit in Gruppen ist das Schaffen eines förderlichen sozialen Klimas mit positiven Abhängigkeiten unter den Gruppenmitgliedern. Damit ist das Kooperativen Lernen eine schüleraktivierende Didaktik.



Ein integratives Konzept der Unterrichts- und Schulentwicklung

Im Gegensatz zu eher additiven und technizistischen Formen des Methodenlernens leistet die Entwicklung von Teams sowohl auf Seiten der SchülerInnen als auch unter LehrerInnen einen wichtigen Beitrag für die Unterrichts- und Schulentwicklung. Dabei vertreten Repräsentanten des Kooperativen Lernens durchaus nicht die Position, ein Allheilmittel für alle Probleme an der Schule gefunden zu haben und betonen die Wichtigkeit anderer Sozial- und Lernformen, Lernprinzipien und Methoden. Auf Seiten der LehrerInnen setzt Arbeiten im Sinne Kooperativen Lernens voraus, dass im Laufe der Zeit ein breites Methodenrepertoire entwickelt und genutzt wird und die Wahrnehmungsfähigkeit der kognitiven, kreativen und sozialen Voraussetzungen der SchülerInnen geschult wird. Arbeiten nach den Prinzipien des Kooperativen Lernens zieht eine Veränderung der Lehrerrolle nach sich. In diesem Zusammenhang gewinnt der Aufbau professioneller Lerngemeinschaften an Bedeutung.


Aufbau eines Netzwerkes in Duisburg

Die Vermittlung des Kooperativen Lernens in Duisburg stellt sich - gelegentlich gegen den Widerstand einiger DezernentInnen und Teilen der BZRG - als ein Prozess dar, der als eine Basis- oder Grasswurzelbewegung charakterisiert werden kann. Dieser Prozess begann damit, dass Frau Druyen vom Reinhard und Max Mannesmann-Gymnasium und ich als Lehrer an der Gesamtschule Neumühl die Idee hatten, auch in Duisburg eine regionale Unterrichts- und Schulentwicklung zu initiieren. Im Anschluss an unsere Ausbildung zu Moderatoren beschlossen wir, Kooperatives Lernen zunächst an unseren eigenen Schulen zu etablieren. Was als Einzelaktion begann, entwickelte sich im Laufe von vier Jahren zu einem schulformübergreifenden Projekt. Handlungsleitend waren hierbei drei Grundgedanken: 1) Kooperatives Lernen bedeutet mehr, als SchülerInnen in Gruppen arbeiten zu lassen. Es ist vielmehr eine komplexe Lernform, die von LehrerInnen und SchülerInnen intensiv eingeübt und reflektiert werden muss. 2. Schul- und Unterrichtsentwicklung brauchen mehr als ein einmaliges Training, wenn sie nachhaltig und effektiv sein sollen, um zu einer neuen Lernkultur zu führen. 3. Schulentwicklung wird durch regionale Kooperation und Vernetzung gestärkt, eine regionale Bildungslandschaft kann Schulen unterstützen. Der Unterschied des Duisburger Modells z.B. zu Mönchengladbach besteht auch darin, dass nicht Norm und Kathy Green den Prozess mit Fortbildungen initiiert haben, sondern bisher nur einmal eine dreitägige Fortbildung für ein Netzwerk von Schulen angeboten haben. Es geht also auch ohne den "Guru"!


Nachhaltige Fortbildungen

Wir stehen also für ein Konzept der nachhaltigen Fortbildung: Statt schöne aber einmalige Fortbildungserlebnisse zu produzieren, die bereits nach wenigen Wochen verpufft sind, weisen wir mit Nachdruck darauf hin, dass die fortgebildeten Schulen Teams bilden, die sich ca. sechs mal im Schuljahr treffen, ihre Erfahrungen austauschen, neue Methoden lernen und damit den Prozess längerfristig weitertreiben. Diese Teambildung geht gerade von den KollegInnen aus, die diese Qualität der Arbeit von ihren Schulleitungen einfordern. Überzeugend ist unser Konzept auch deshalb, weil es nicht auf Druck und Reglementierung - den typischen Implementierungsstrategien der BZRG - basiert, sondern auf dem Angebot zur freiwilligen Teilnahme. Wir beobachten, dass immer mehr KollegInnen dieses Angebot (!) aufgreifen, einen Bereich ihrer unterrichtlichen Tätigkeit verbessern wollen und die Schulentwicklung als Herausforderung für Teamarbeit verstehen.


Kooperatives Lernen in der Lehrerausbildung

Diese professionellen Lerngemeinschaften sollten bereits in der 2. Phase der Lehrerausbildung eingeübt werden, damit die zukünftigen LehrerInnen über die Kompetenzen verfügen, um Gruppenarbeit kompetent umsetzen zu können. Dieser Kompetenzerwerb kann dann später in Form von Lehrerfortbildungen vertieft werden. Hinzu kommen negative Entwicklungen in der Lehrerausbildung wie der Bedarfsdeckende Unterricht, der eine Qualifizierung von Lehramtsanwärtern erheblich behindert. Gegen diesen Trend können Teamstrukturen in der Lehrerausbildung sowohl zu einer Qualifizierung der Ausbildung beitragen als auch als Modell für eigenes Handeln in der Schule dienen. Der Prozess der Integration des Kooperativen Lernens in die Arbeit an den Schulen wird dadurch verstärkt, dass wir von Beginn an die Lehrerausbildung in den Studienseminaren der Region mit der Lehrerfortbildung verknüpften. So entsteht ein dynamischer Prozess, in dem beide Systeme mit ihren spezifischen Qualitäten einander ergänzen und den Prozess der Unterrichts- und Schulentwicklung vorantreiben.


Fortbildung nicht nur für selbstständige Schulen

Vor ca. drei Jahren stellten wir Kontakte zum Bildungsbüro her und bieten seitdem auch (!) Fortbildungen für Selbstständige Schulen und Korrespondenzschulen an. Das Bildungsbüro hat uns mit seiner Infrakstruktur ermöglicht, sehr viel mehr Schulen in Duisburg fortzubilden. Mittlerweile haben wir mit einem kleinen Moderatorenteam hunderte von LehrerInnen von ca. 30 Schulen in Duisburg mit dem Konzept vertraut gemacht und erleben - trotz der viel beschworenen "Klimakatastrophe" an den Schulen - eine fast nicht mehr zu bewältigende Nachfrage nach Fortbildungen. Im Kontext des Bildungsbüros treffen wir mittelbar auf die Bertelsmann-Stiftung, die in Kooperation mit staatlichen Behörden das Modellprojekt "Selbstständige Schule" umsetzt. In der Kooperation mit dem Bildungsbüro bin ich tatsächlich sehr aufmerksam, damit das Kooperative Lernen nicht ungewollt irgendwann vor den Karren von Bertelsmann gespannt wird.


Wir brauchen keine Gurus

Zunächst aber noch einige Anmerkungen zu dem Artikel über die Bertelsmannkritische Tagung. Richtig ist, dass Norm Green für sein Engagement und stellvertretend für das Durham Board of Education in Ontario/Kanada von Bertelsmann - wie übrigens auch mehrere deutsche Schulen - mit einem Preis ausgezeichnet wurde. Norm und Kathy Green sind wesentlich daran beteiligt, dass das Kooperative Lernen an immer mehr Schulen in Deutschland Fuß fasst und zu einer nachhaltigen Verbesserung des Unterrichts und der Lernkultur führt. Jeder, der ihm begegnet, kann bezeugen, dass Norm Green nicht als "Guru" auftritt. Stattdessen wird er von seinen Kritikern als "Guru" diffamiert. Ich wurde von Norm Green, den ich als Fachleiter für Sozialwissenschaften als einen hervorragenden Pädagogen kennen- und schätzen gelernt habe, zum Moderator ausgebildet. Entsprechend sind mir die zentralen verschwörungstheoretischen Fragen (vgl. Info 163, S. 24), welches pädagogische Studium er absolviert habe und ob er aus Kanada oder den USA kommt, ziemlich egal. Jeder Mensch, der lesen kann, kann sich das Konzept des Kooperativen Lernens aneignen und braucht weder Bertelsmann noch einen "Guru". (Das Buch von den Greens ist übrigens auch nicht bei Bertelsmann erschienen.)


Demokratisierung von Schulen

Ich stimme Jutta Müller zu, dass es wichtig ist, Tendenzen zur Privatisierung im Bildungsbereich kritisch wahrzunehmen und ggf. dagegen anzugehen. Norm Green steht in Deutschland für das Kooperative Lernen und damit für vielfältige Entwicklungsmöglichkeiten im Kontext eines Konzeptes der Unterrichts- und Schulentwicklung, die in Duisburg basisorientiert und mittels nachhaltiger Fortbildung realisiert wird. Im Widerspruch z.B. zum Abbau von Personalvertretungsrechten im Zusammenhang mit der Bildung selbstständiger Schulen stellt das Kooperative Lernen durch die Stärkung der Teambildung unter SchülerInnen und im Kollegium de facto einen Beitrag zur Demokratisierung der Schule da. Übrigens gibt es eine deutliche Tendenz bei vielen KollegInnen, von einem "deutschen" Weg des Kooperativen Lernens zu sprechen, in dem die Traditionen z.B. aus dem Gesamtschulbereich (z.B. das Team-Kleingruppen-Modell) aufgegriffen und in Verbindung mit dem Kooperativen Lernen vertieft und weiterentwickelt werden. Deshalb begrüße ich es im Gegensatz zu Kollegin Müller, dass die GEW (und nicht Bertelsmann) Bücher zum Kooperativen Lernen veröffentlicht und Fortbildungen - gelegentlich auch mit Norm Green - zu diesem wichtigen Thema anbietet.

  1. cdruyen saidSun, 04 May 2008 16:15:09 -0000 ( Link )

    well done, buddy

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  2. Stephan saidThu, 22 May 2008 08:59:41 -0000 ( Link )

    Dear Thomas, your comments hit the bull’s eye!

    ...in diesem Zusammenhang halte ich es allerdings auch für bedenklich, wenn der herausgebende Verlag Norm Green in seinen Werbeanzeigen als den Guru bezeichnet.

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