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Sprache beeinflusst das Sehen
Die Grammatik und die Wahrnehmung der Welt
Von Matthias Hennies
Wenn zwei Menschen dasselbe sehen, sehen sie nicht
dasselbe. Das haben Sprachforscher aus Heidelberg bewiesen. Ein
Engländer zum Beispiel sieht definitiv nicht dasselbe wie ein
Deutscher. Und das liegt an der Grammatik der
Sprache.
Die kurzen Filme sind nicht gerade Kandidaten für den Oscar. Man
sieht nur zwei Frauen auf ein Tor zugehen oder einen Mann eine
Leiter zu einem Balkon hochsteigen oder zwei Männer auf einem See
surfen. Alltagsszenen, die sich in kurzen Sätzen zusammenfassen
lassen.
Und darauf kommt es an. Sprachforscher der Universität Heidelberg
setzen diese Filme ein, um herauszufinden, wie die menschliche
Wahrnehmung funktioniert. Sie bitten Versuchspersonen
unterschiedlicher Muttersprachen, einen Film wiederzugeben. Und an
der Zusammenfassung erkennen sie, worauf sich die Aufmerksamkeit
der Zuschauer richtet, ob einer sich auf die beiden Frauen
konzentriert, auf das Tor, auf das sie zugehen, oder auf den Weg,
auf dem sie laufen.
"Da gibt es in der
Kognitionspsychologie eine relativ reiche Forschung, dass
beispielsweise Bewegtes Aufmerksamkeit anzieht, dass Belebtes
Aufmerksamkeit anzieht, dass Gesichter Aufmerksamkeit anziehen,
natürlich Unbekanntes Aufmerksamkeit anzieht. Da gibt es eine große
Tradition von Studien, die das gezeigt haben."
Bisher schien die Sache klar, berichtet Christiane von Stutterheim,
Professorin in Heidelberg. Man glaubte, in der ganzen Welt seien
die Faktoren gleich, die Aufmerksamkeit erwecken. Doch ihre
Kollegin Barbara Schmiedtova hat nun Erstaunliches herausgefunden:
So simpel eine Filmszene auch ist, Deutsche sehen sie anders als
zum Beispiel Engländer.
"Die werden eher sagen: 'Two women are
walking'. Während die Deutschen mit Vorliebe sagen würden: 'Zwei
Frauen laufen auf ein Tor zu.'"
Engländer konzentrieren sich auf den Verlauf der Handlung, Deutsche
nehmen das Ziel wahr. Und Dr. Schmiedtova ist überzeugt: Das liegt
an der Grammatik der beiden Sprachen. "Walking": Die Verlaufsform
auf "-ing" ist im Englischen sehr gebräuchlich. In der deutschen
Sprache dagegen gibt es keine Verlaufsform - höchstens holprige
Notlösungen wie "sie sind am Gehen", die nur selten verwendet
werden und in der korrekten Hochsprache auch nicht vorgesehen
sind.
Wird also das, was man in einer Situation wahrnimmt, durch die
grammatische Struktur der Muttersprache vorgeschrieben? Am Beispiel
der Verlaufsform hat Schmiedtova eine empirische Untersuchung
gemacht. Und siehe da, bei den anderen Filmen trat dasselbe
Phänomen auf. Wo die Deutschen sagten "Männer surfen auf einem
See", formulierten die Engländer knapp "men are surfing". Und wenn
Deutsche meinten "Ein Mann steigt eine Leiter zu einem Balkon
hoch", hieß es auf Englisch nur "A man is climbing a ladder". Also:
Deutsche nennen den Endpunkt der Handlung, Engländer beschreiben
den Verlauf - weil ihre Sprache es so will. Aber lenkt die
Grammatik auch die zugrunde liegende, vor-sprachliche Wahrnehmung?
Christiane von Stutterheim:
"Jetzt kann man erst mal sagen,
unterschiedliche sprachliche Formen führen zu einem
unterschiedlichen sprachlichen Produkt. Und nun waren wir
interessiert, inwieweit diesen unterschiedlichen sprachlichen
Darstellungen auch tatsächlich unterschiedliche kognitive
Planungsprozesse vorausgehen."
In einer zweiten Versuchsserie installierte das Team eine
Apparatur, die die Augenbewegungen der Versuchsperson aufzeichnete,
während der Film lief. Die neuen Experimente bestätigen
Schmiedtovas Resultate:
"Und man sieht, dass Deutsche
sich viel früher mit dem Endpunkt, also den fokussieren und zu
diesem Endpunkt auch zurückkehren. Die Englischsprachigen gucken
sich das auch erst mal an, aber erstens viel später als die
Deutschen, und sie verweilen dort auch nicht so
lange."
Barbara Schmiedtova und ihre Kollegen haben die Filme nicht nur
Engländern und Deutschen gezeigt, sondern insgesamt 170
Versuchspersonen aus sieben Ländern. Danach konnten sie die sieben
Sprachen in zwei Gruppen einteilen: Auf den Verlauf einer Handlung
konzentrieren sich Engländer und Araber, Russen und Spanier.
Holländer, Tschechen und Deutsche beobachten stärker den Endpunkt,
das Ziel einer Handlung.
Auch diese Verteilung ist erstaunlich: Englisch und Deutsch etwa
haben sich aus denselben Wurzeln entwickelt und fallen doch nicht
in dieselbe Gruppe. Offensichtlich ist die Entstehung der Sprachen
nicht für die Übereinstimmung verantwortlich - und auch der
kulturelle Hintergrund nicht:
"Wenn wirklich Sprachen, die kulturell
einen Gegensatz bilden wie das Arabische einerseits und das
Englische einerseits, in eine Gruppe fallen, dann kann das
Kulturelle das ja auf keinen Fall erklären."
Nein, die Gemeinsamkeit liegt in der Grammatik. Aber was ist die
Ursache für die Ähnlichkeit in der arabischen und der englischen
Grammatik? Oder dafür, dass das Tschechische, Schmiedtovas
Muttersprache, aus den slawischen Sprachen herausfällt?
"Das Tschechische fällt sozusagen aus
der Reihe, weil sich das Tschechische weder wie das Polnische noch
das Bulgarische noch das Russische verhält, obwohl das System sehr
ähnlich ist. Aber man darf eine Sache nicht unterschätzen, und das
ist Sprachkontakt."
Rund 400 Jahre dauerte die Herrschaft der Habsburger in Böhmen, die
Herrschaft einer deutschsprachigen Führungsschicht. Der intensive
Sprachkontakt hat eben Spuren in der tschechischen Grammatik
hinterlassen, meint die Wissenschaftlerin. Sie will nach der
Verlaufsform jetzt die Auswirkung anderer grammatischer Strukturen
vergleichen: Welche Bedeutung hat der Handelnde, welche hat das
Objekt der Handlung in verschiedenen Sprachen?
Ein Ergebnis ist schon klar: Grammatische Strukturen, die
man als kleines Kind erlernt hat, bestimmen, worauf man sein
Augenmerk richtet. Wohin einer zuerst guckt, was er länger
und was er kürzer betrachtet, hängt von der Sprache ab. Sind die
Faktoren, die die menschliche Wahrnehmung lenken, also nicht
universal? Die Basis ist bei allen Menschen gleich, meint
Christiane von Stutterheim, aber sobald die kognitiven Vorgänge
differenzierter werden, wirkt sich die Grammatik der Muttersprache
aus:
"Ich denke, das ist tatsächlich eine
Ausdifferenzierung. Das ist eine weitere
Ausbuchstabierung unserer kognitiven Fähigkeiten, die im Kern
sicherlich zurückzuführen sind auf ein paar grundlegende
Eigenschaften der menschlichen Natur, aber das ist eben
kulturell überformt, und eine Komponente der Kultur ist
natürlich unsere Sprache, und das ist das, was
unsere kognitive Verarbeitung steuert."

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