
Artikel 2: Was Schule
ist
Ich glaube, daß die Schule vor allem eine soziale Einrichtung ist. Da Erziehung einen sozialen Prozeß darstellt, ist die Schule einfach diejenige Form des Gemeinschaftslebens, in der all das zusammenkommt, was am wirkungsvollsten dazu führt, das Kind zum Teilhaber an den ererbten Ressourcen werden zu lassen und es dazu zu bringen, seine eigenen Kräfte für soziale Zwecke einzusetzen.
Ich glaube, daß Erziehung deshalb selbst ein Vorgang im gegenwärtigen Leben ist und nicht eine Vorbereitung für das künftige Leben.
Ich glaube, daß die Schule das gegenwärtige Leben repräsentieren muß - als ein Leben, das dem Kind so real und lebendig erscheint wie das, was es zu Hause,in der Nachbarschaft und auf dem Spielplatz führt.
Ich glaube, daß eine Erziehung, die nicht durch Formen des Lebens vonstatten geht - Formen, die für sich selbst lebenswert sind - immer nur ein armseliger Ersatz für die echte Wirklichkeit ist, der das Leben beschwert und lähmt.
Ich glaube, daß die Schule als Institution das bestehende gesellschaftliche Leben vereinfachen sollte. Sie sollte es gewissermaßén auf eine embryonische Form reduzieren. Das bestehende Leben ist derart komplex, daß das Kind nicht ohne Verwirrung oder innere Flucht direkt damit in Kontakt gebracht werden kann. Es wird dann entweder durch die Vielzahl der Vorgänge und Handlungen verwirrt, so daß es seine Fähigkeit zu angemessener Reaktion verliert, oder es ist derart von den verschiedenen Tätigkeiten stimuliert, daß seine Kräfte vorzeitig ins Spiel gebracht und übermäßig spezialisiert werden oder ihren Zusammenhalt verlieren.
Ich glaube, daß das Schulleben als ein solchermaßen vereinfachtes soziales Leben aus dem Leben zu Hause allmählich hervorgehen sollte; Schule sollte die Tätigkeiten aufgreifen und fortführen, mit denen das Kind zu Hause bereits vertraut ist.
Ich glaube, daß die Schule diese Aktivitäten dem Kind vorstellen
und sie auf solche Weise wiederausführen sollte, daß das Kind
allmählich deren Bedeutung lernt und in die Lage kommt, seinen
eigenen Teil zu ihnen beizutragen.
Ich glaube, daß dies eine psychologische Notwendigkeit ist, weil es die einzige Möglichkeit bietet, die Kontinuität beim Aufwachsen des Kindes zu sichern, den einzigen Weg, den neuen Ideen der Schule einen Hintergrund von vergangenen Erfahrungen zu verleihen.
Ich glaube, daß es auch eine soziale Notwendigkeit ist, weil das Zuhause die Form sozialen Lebens darstellt, in der das Kind genährt worden ist, in Verbindung mit der es seine moralische Erziehung erfahren hat. Es ist Angelegenheit der Schule, den Sinn für die Werte, die mit seinem Leben zu Hause verbunden sind, zu vertiefen und zu erweitern.
Ich glaube, daß ein Großteil der gegenwärtigen Erziehung scheitert, weil sie das Grundprinzip der Schule als Form gemeinschaftlichen Lebens vernachlässigt. Sie begreift Schule stattdessen als einen Ort, an dem bestimmte Informationen verteilt, an dem bestimmte Lektionen erlernt, oder an dem bestimmte Verhaltensweisen ausgebildet werden sollen. Der Wert dieser Vorstellungen wird als hauptsächlich in der fernen Zukunft liegend erachtet; das Kind soll diese Dinge um anderer Dinge willen tun; sie dienen nur der Vorbereitung. Deshalb werden sie nicht ein Teil der Lebenserfahrung des Kinder und so sind sie nicht wirklich erziehend.
Ich glaube, daß sich Moralerziehung an das zentrale Konzept der Schule als einer Form des sozialen Lebens anschließt, daß die beste und tiefste Übung der Moral diejenige ist, die man erfährt, wenn man im Zusammenhang von Arbeit und Nachdenken in angemessener Beziehung zu anderen steht. Die gegenwärtigen Erziehungssysteme - so weit sie diesen Zusammenhang zerstören oder vernachlässigen - machen echte moralische Verhaltensübungen schwer oder unmöglich.
Ich glaube, daß das Kind durch das Leben in der Gemeinschaft selbst zu seinem Tun angeregt und in seinem Tun kontrolliert werden sollte.
Ich glaube, daß unter bestehenden Bedingungen viel zu viel Anregung und Kontrolle vom Lehrer ausgeht, weil die Vorstellung der Schule als einer Form des sozialen Lebens vernachlässigt ist.
Ich glaube, daß die Stellung und die Arbeit des Lehrers in der Schule auf der gleichen Grundlage interpretiert werden muß. Der Lehrer ist nicht in der Schule, um bestimmte Vorstellungen durchzusetzen oder bestimmte Verhaltensformen des Kindes zu erzwingen, sondern er ist ein Mitglied der Gemeinschaft, das die Einflüsse auswählt, die das Kind bilden, und das ihm dabei hilft, auf diese Einflüsse angemessen zu reagieren.
%{font-family:verdana}Ich glaube, daß die Disziplin der Schule aus dem Leben der Schule als Ganzes hervorgehen sollte und nicht direkt aus dem Lehrer. Ich glaube, daß es die Aufgabe des Lehrers ist, auf der Grundlage längerer Erfahrung und reiferer Einsicht einfach zu bestimmen, wie die Disziplin des Lebens zum Kind gelangen soll.%
Ich glaube, daß alle Fragen zur Beurteilung des Kindes und zu seinem Fortkommen unter Berücksichtigung des gleichen Maßstabes für alle entschieden werden sollten. Prüfungen sind nur so weit sinnvoll, wie sie die Fähigkeit des Kindes überprüfen, das soziale Leben mitzutragen, und die Stellen ausfindig machen, an denen es den besten Beitrag leisten kann, und die, an denen es die meiste Hilfe braucht.